Erster Akt
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02.10.2003 / Frankfurter Rundschau
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| Kategorie: Fotografie | |
Unsere Autorin Nora Nadim spielt Foto-Model und lässt alle Hüllen fallen
Der Zettel mit der Telefonnummer wandert seit einem halben Jahr. Von der Pinnwand unter die Schreibtischunterlage und von dort an den Computer-Bildschirm. Er mahnt nicht an den aufgeschobenen Zahnarzttermin, auch nicht an die langst fällige Steuerklärung. Er soll mich lediglich an den Anruf bei der Fotografin erinnern, di« angeblich aus jeder Frau eine Schönheit macht. Erotisch, sinnlich, verführerisch. Und dabei ganz sie selbst. Geht das denn? Auch jenseits der 40 und mit Kleidergröße 42/44? Man kennt doch die Ergebnisse von Passbilder-Sessions Im Backroom irgendeines Fotogeschäfts: Blass, erschöpft, mit stierem Blick und Schatten unter den Augen. Abzüge, die bestenfalls als Reklame für das Müttergenesungswerk taugen. Und dann auch noch nackt? Blick auf den Kalender: nur noch wenige Wochen bis zum Geburtstag des Gatten und natürlich keinerlei Geschenk-Idee für diesen Mann ohne Bedürfnisse. Eine Woche später der Entschluss. Mann und Kind wird ein beruflicher Termin vorgeschwindelt. Tüll und Spitzen werden verstohlen in die Tasche gepackt. Herzklopfen wie bei einem Rendezvous. Natürlich sieht die Fotografin toll aus. Hat ja früher selbst gemodelt, für Cerruti und Vera Mont etwa. Sie trägt Jeans und Hemdbluse. Was an ihr umwerfend aussieht und an mir nur burschikos. Das Atelier wirkt eher wie ein Boudoir. Sofas in Bonbonfarben. Üppig Dekoratives. Magazine mit makellosen Gesichtern. Nirgendwo Technik, Stative oder Lampen. Der CD-Player spielt »Women In Iove«. Ich bin eher eine Women im Stress. Kaffee? Nein, aufgeregt genug. Lieber ein Schluck Wasser gegen das spröde Gefühl In der Kehle. Die Fotografin bringt ein Glas Selters und einen Bademantel. Du musst dich gleich ausziehen, sagt sie. Wegen der Druckstellen von Hosenbund und BH. Die müssen weg bis zum Shooting. Ich sitze in jungfräulich weißem Frottee auf der Couch und betrachte Fotobeispiele. Schöne Frauen, manche »vollschlank« wie ich. Ob ich lieber hell oder dunkel rüber-kommen will, fragt die Fotografin. Sie muss wissen, welchen Film sie nimmt. Hell, sage ich und weiß nicht genau, warum. Wir sitzen uns gegenüber am Schminktisch. Schwämmchen fahren über meine Schläfen. Pinsel tupfen. Stifte streichen. Ich hocke auf der Stuhlkante, den Rücken verspannt. Du bist Irgendwas zwischen Liza Minnelli und Isabella Rossillini, sagt die Fotografin, cineastisch gesehen. Und halt mir den Spiegel vor. Bin ich das? Das Make-up wie eine zweite Haut über dem Gesicht. Keine Schatten mehr, keine hektischen Flecken, die Lippen voll, die Augen riesengroß. So sehe ich dich, sagt die Fotografin. Und dass man beim Shooting nie mit der Grundierung sparen darf, die mir wie eine Strumpfmaske erscheint, Tarnkappe, hinter der Ich wegtauchen kann. Hinter irgendwas zwischen Minnelli und Rossellini. Die Meisterin baut die Technik auf. Ein riesiger Bogen cremefarbenes Papier ist das monochrome Bühnenbild für die Inszenierung meines Körpers. Sie montiert Lampen mit weißen Schirmen davor. Legt ein Stück Tüll und wallendes weiß« Tuch parat. Ich lege mich auf das Papier, ziehe die Beine an. halte die Hände über dem Kopf, bücke in die Kameralinse. Locker bleiben. Das muss jetzt ohne Floskeln gehen, sagt die Fotografin. Kein Bitte, kein Danke. Kurze Kommandos nur, sonst klappt das nicht. Also los. Sie biegt hier einen Arm. rückt da einen Fuß, dreht die Hüfte, strubbelt durchs Haar. Fertig und »halten, halten, halten, so lassen!« Sie lockt, ruft, fordert knapp: Schau hoch, Hals strecken, das gibt sonst Falten! Spannung halten, in die Kamera gucken, Lippen zusammen, lächeln. Nicht verkrampfen. denk an was Schönes! So geht das fast zwei Stunden. Dann spult der letzte Film zurück. Ich kann mich wieder anziehen. Erleichtert hüpfe ich die Treppen hinunter. Eine Woche später kommen die Kontaktabzüge. Ich schnappe mir die Lupe. Bin ich das? Habe ich mich je so gesehen? Irgendwas zwischen Minnelli und Rossellini. Ein Bild von einer Frau. Ich.
Atelier Tamara Amboff-Windeler, Werrastraße 7. Frankfurt. Erotische Fotografien von Frauen. Männern und Paaren. Termine und Preise auf Anfüge: Tel. 704581 (am besten Di und Do), Fax 7078064, Internet: www.windeler.com.
Tamara Amhoff-Windelers Fotografien sind unter anderem in Berlin, Budapest New York. Wien und Frankfurt ausgestellt Bücher und Kalender: »Von Frau zu Frau«. Bildband weibliche Akte, Verlag Umschau Braus. Frankfurt 2001, 39.90 Euro. »Two by Two«. Bildband Paare. Weingarten Verlag. 39 Euro, »Men 2004«. Kalender Männerakte und »Selbst Bewusst Sein 2004«. Kalender Frauenakte. beide Stadler Verlag, je 27.80 Euro. |
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